Dokumentation der Ausstellung "Übern Grund"
Klara Kohler und Fraz Frauenlob
Museumspavillion Mirabellgarten Salzburg
17.4.- 16.6.2024
Berge
wurden gezeichnet, gemalt, in Holz geschnitten kurz, dargestellt,
lange bevor man, aus welchen Gründen auch immer darauf
herumgestiegen ist. Gemeinhin hielt man sich auf dem Grund auf und
schaute nach oben. Man beobachtete das Verschwinden der Sonne hinter
den Gebirgsmassen und den Aufgang der Gestirne am Abendhimmel.
Zwar
gab es immer Menschen, die oben waren, sich in den hochgelegenen
Tälern angesiedelt hatten und die Almböden zur Selbstversorgung
bewirtschafteten. Auch Jäger, Naturkundler, Kräuterfrauen und
-männer und schließlich Gelehrte durchstreiften Jahrhunderte lang
die einsame, bergige Wildnis.
Im
Nachforschen über den Initialpunkt für unsere Auseinandersetzung
mit dem Bergmotiv, während und nach unseres Assistenzaufenthaltes
bei Arnulf Rainer in Teneriffa, fand ich Notizen wieder. Es sind
Beschreibungen eines Ortes der Kraft, in unzugänglicher Lage, direkt
am Ufer. Ein Ort in würziger Luft, schroff, saturnisch in manchen
Hinsichten, die behebigen Wassermassen und die Geworfenheit der
Felsen. In sattem goldocker leuchtend, am Abend, kurz vor dem
Sonnenuntergang.
Ich
erwähne das jetzt, unter Weglassung all des Angelesenen, das mich im
Laufe der Arbeit an der Ausstellung beschäftigte: Wir sind keine
Bergsteiger und auch die Wanderlust kennen wir kaum. Wir sind
Stadtbewohner. Allenthalben sieht man uns durch die Gassen gehen.
Wir
haben uns hier eingerichtet, in der schönen Stadt zwischen den
Bergen.
Unten
stehen und schauen, staunen auch und oft, das ist unser Ding. Nicht
hinaufgehen.
Den
Respektabstand wahren.
Der
Blick auf den kleinen Hausberg im Zentrum vom Atelier aus und auf der
anderen Seite der Kühberg, dem sich der deutlich höhere Gaisberg
anschließt. Die Augenruh.
Wenn
der offene Blick auf den Berg die Gewissheit eines Ortes
vollkommener Gelassenheit aufkommen läßt. Keine Inbesitznahme, kein
will haben. Nur diese Präsenz am Horizont.
Daß
sich die unausgesetzte Betriebsamkeit des Menschen längst bis in
alle Höhen hinauf ausgebreitet hat ist uns bewußt. Und seit
tausende Naturkonsumenten und Sportskanonen die Bergwelt bevölkern,
ist der in manchen Momenten aufkommende Wunsch, doch einmal auch oben
gewesen zu sein, einem Gefühl der Zwecklosigkeit gewichen. Zwar ist
mein Wunsch, gleichbedeutend mit dem aller Anderen, doch der Verlust
der Qualitäten, die unberührte Natur ausstrahlen kann, ist durch
die massenhafte Präsenz des Menschen besiegelt. Im Laufe dieser
Arbeit bin ich zu jemandem geworden, der versteht, daß man Berge
anbetete.
(...)
Der
Ausgangspunkt unserer Arbeit war die einfache, ursprüngliche
Faszination für die Naturformen.
Die
vielschichtigen Bedeutungsebenen eröffnen sich nur allmählich, bis
hier her, wo wir den Mut finden, das Lot noch ein Stück tiefer hinab
zu lassen.
Ateliernotiz
30.3. 2014 F.F.
Im
Laufe unserer Arbeit stießen wir auf verschiedene Literaturen: Zu
Beginn, wie schon bei früheren Projekten, Joseph Beuys, ‚Die
Eröffnung – Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt‘ und
darauf folgend eine Recherche im Archiv archetypischer Symbole
(C.G.Jung). In diesem Zusammenhang fanden wir aufschlußreiche Essays
von Aniella Jaffè: ‚Bildende Kunst als Symbol‘, ‚Sakrale
Symbole – der Stein und das Tier‘, ‚Das Symbol des Runden in
der Kunst‘ und ‚Der Geist der Dinge und das Unbewußte‘.
Darauf
folgte Martin Heidegger, ‚Der Satz vom Grund‘ – Vorlesungen.
Der
Titel unserer Ausstellung war zu diesem Zeitpunkt schon seit längerem
festgelegt. Mit der philosophischen Lektüre eröffnete sich die
Tiefendimension des Themas. Wir
wußten noch nicht, daß ‚Übern Grund‘ zu arbeiten ist. Und als
wir es wußten, verstanden wir es vorerst nicht.
Im
langsamen Fortschreiten wuchs die Einsicht.
Auf
der horizontalen Ebene reihen sich Ansichten neben Ansichten, in der
zeitlichen Folge ihres Entstehens.
Die
Vertikale bietet in gewisser Weise alles das auf, was man nicht
sieht.
Martin
Heidegger: Nihil est sine ratione‘. Man übersetzt: Nichts ist
ohne Grund.
Unser
Verstand hält stets Ausschau nach Gründen.
Das
menschliche Vorstellen sucht notwendiger Weise immer nach einer
Begründung.
Dieses
Tun ist älter als der Satz selbst, der es ausspricht.
Ergründen
und Begründen bestimmen unser Tun und Lassen.
Wir
können allerdings auch fragen, und zwar allein und genau deshalb,
weil
unser Tun und Lassen so beseelt ist:
Aus
welchem Grund ist unser Tun ergründend und begründend?
(...)
Der
Satz vom Grund wird von uns überall als Stütze und Stab benützt
und befolgt,
zugleich
stürzt er uns aber, kaum daß wir ihm in seinem Sinne nachdenken,
ins Grundlose, (…).
Ins
Äußerste gesprochen heißt dies: ‚Der Satz des Grundes ist der
Grund der Sätze.‘
Hier
ist ein Anfang, der schon Vollendung ist.*
Martin Heidegger – Denkwege ‚Der Satz vom Grund‘ 1./2.
Vorlesung
Die
Leseerfahrung entlang der künstlerischen Arbeit ist eine Art des
Steigens und Kletterns. Zufällig eröffnen sich Wege und
Haltepunkte. Es blieb ab da unklar, ob eine Ausstellung unter dem
Titel ‚Übern Grund‘ überhaupt gelingen kann, (sofern man sich
nicht mit Vordergründigem zufrieden gibt). Da die Arbeit in allen
seinen Phasen direkt vom Grund her zu schöpfen ist, bleibt letztlich
nur noch ein schmaler Grat auf dem man sich fortzubewegen hat. Denn
erstens liegt der Grund fern, (es gibt jede Menge Begründungen,
allerdings), und man weiß nur in Momenten, ob man schon angekommen
ist. Und zweitens können die ausgestellten Arbeiten nicht im
gewohnten Sinne informativ sein. Niemand kann letztlich wissen, auf
welchem Grund wir gestanden sind und auf welche Weise wir jetzt, kurz
vor der Eröffnung, gegründet sind. Die Arbeit dauert an.
Um
die Liste der Literaturen zu vervollständigen wären noch zu nennen:
Zwei
Beispiele aus der weitläufigen Bergliteratur, Reinhold Messner;
‚Gehe ich nicht, gehe ich kaputt‘ – Briefe aus dem Himalaja und
‚Diamir, König der Berge‘ Schicksalsberg Nanga Parbat.
Weiters
, Michael Ende ‚Die unendliche Geschichte‘
und
nicht zuletzt Francesco Petrarcas Bericht seiner Besteigung des Mont
Ventoux (1336) und seine Wirkungsgeschichte, Ruth und Dieter Groh,
‚Die Außenwelt der Innenwelt‘ und Mircea Eliades
Auseinandersetzung mit den Mythen des Eisens, ‚Schmiede und
Alchimisten‘.
Etwas
jenseits dieser philosophischen und kulturwissenschaftlichen Bereiche
ist für uns alle in diesem konkreten geschichtlichen Moment, die
Frage nach den Gründen der zu erwartenden oder bereits eingetretenen
globalen Misere, die Dringlichste. Bis in die tieferen Gründe hinein
erschüttert den denkenden Mensch die gewaltsame Veränderung und
Zerstörung gewachsener Strukturen, die Umwertung der Werte, die
Mehrheitsfähigkeit demokratiefeindlicher Parteien, die Zerstörung
der letzten Naturräume durch gewaltsames Wirtschaften, … .
Forschen
‚Übern Grund‘ heißt (auch) erkennen und verstehen von
Verhältnissen.
Helga
Peskollers Buch ‚BergDenken‘ war uns in diesen
gesellschaftspolitischen Dimensionen des Themas die wichtigste
Führung. Die Extrembergsteigerin stellte sich im Rahmen ihrer
Doktorarbeit (Erziehungswissenschaften) die Frage nach dem Grund
ihrer Leidenschaft und lieferte uns damit die Werkzeuge, um in der
letztgültigen Ausrichtung der Ausstellung Klarheit zu gewinnen.
Ihrem Buch haben wir auch den Titel ‚Übern Grund‘ entnommen.
Somit
sind die wichtigsten Einflüße unseres Arbeitens offengelegt.
Die
grundlegenden Begriffe zum Verständnis unserer Arbeit lauten:
Abstraktion,
Gravitation, Inhalt und Form.
Ab
einem gewissen Moment war für uns beide klar, daß, so weitreichend
die Vorbereitungen auch immer gedeihen, sobald die Arbeiten in die
Galerieräume verbracht sein werden, ein neuer Abschnitt, (der
entscheidende) beginnen würde und die Karten noch einmal neu zu
mischen sein werden. Mit der Ausstellung verbindet sich für uns
jedesmal neu die Utopie, daß es möglich sein kann, Dingen ihren Ort
zu geben und den Ort wieder zu sehen, von dem ein Ding herkommt.
Helga
Peskoller hat es an einer Stelle so formuliert: ‚Durch
die Gesetztheiten hindurch ist ein Ort zu erinnern, von dem aus erst
wieder gedacht werden kann‘.
Anmerkungen
zur Setzungsanalyse Helga Peskoller, ‚BergDenken‘ S.38 ff
Darüber
hinaus gibt es jetzt für uns ein Gefühl der Dankbarkeit.
Auch
und besonders allen jenen gegenüber, die uns unterstützen.
Franz
Frauenlob (16.4. 2024)